Chorreise 2017 ins Sonnenland Ticino / Verzascatal

Habe angesichts des Regenberichts schon beim Start die starke Vermutung, dass das Wetter nicht hält was das Lied verspricht. Nach flotter Fahrt ein kurzer Halt bei der Raststätte in Piotta. Insofern bemerkenswert, weil diese nebst der unseren in Neuenhof in Swiss Miniature nachgebaut und bis heute bewundert werden kann. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Mittagspause in Locarno, danach mit dem Car steile Rampen ins Tal hinauf zur über 200 Meter hohen Staumauer des Lago di Vogorno. Trotz Regen und Wind raus aus dem Bus und auf die Mauer. Ein paar Beherzte stürzen sich – wie weiland 007 – mit Urschrei vom Golden Eye aus in die Tiefe. Fühle mich zu alt dafür, daher zurück zum Bus. Nächster Stopp bei der berühmten Ponte Romano di Lavertezzo. Der Regen hat noch zugelegt und die Schuhe sind auch schon etwas nass. Nur noch eine Handvoll Furchtloser traut sich auf die Brücke, von der aus sich anstelle des vertrauten Postkarten- Anblicks mit kristallklar blau schimmerndem Wasser, nunmehr braune Fluten mit grossem Ungestüm gen Tal wälzten. Mittlerweile sind jetzt auch die Hosen nass.

Weiter ins Tal hinauf, an unzähligen noch nie gesehenen Wasserfällen vorbei ins kleine Sonogno. Trotz Dauerregen kurzer Rundgang durchs Dorf. Ein paar Hühner beäugen mich neugierig aus ihrem trockenen Stall. Keine Touristen weit und breit und die Regenjacke hält dicht. Was will man mehr. Rückfahrt zum Konzert in der malerischen Kirche von Frasco. Nach dem Einsingen im Gemeindehaus gespanntes Warten auf den Corale Verzaschese. Professioneller Aufmarsch in Zweierkolonne und blauer Einheitskleidung. Schöne Volkslieder, lebhafte und traurige, vermitteln viel Lokalkolorit und lassen die düstere Witterung vor der Kirchentür vergessen. Sehr stimmiger Vortrag. Bravo!

Zweiter Teil des Konzerts mit Antonius-Chor. Missa Prima von Crassini, deren melancholische Stimmung in südlichen Sphären immer gut ankommt. Danach Arcadelt – sehr edel. Zugabe! Schönes Gemeinschafts-Konzert das in guter Erinnerung bleiben wird. Zurück nach Sonogno zum vom Corale offerierten Nachtessen. Grazie per l‘ospitalià! Die Gastgeber glänzen mit temperamentvollen Gesangseinlagen und der Dirigent als Virtuose auf der Fisarmonica. Wir halten dagegen und die dunkle Ahnung, der zufolge wir nach Ticino e Vino in frankophonem Raum dereinst im Tessin dafür le vieux Chalet singen, erfüllt sich.

Rückfahrt nach Locarno und hinein ins Nachtleben für ein letztes Glas! Stelle erschüttert fest, dass bis auf unseren Dirigenten die gesamte Truppe im Hotel bleibt – schlaafen. Das war auch schon anders. Ort: Piazza Grande. Zeit: Samstagnacht, elf Uhr so-und-so. Verfügbares Angebot: schon fast alles zu. Was ist nur aus unserem Sonnenland geworden. Schliesslich findet sich doch noch ein offenes Lokal und ein gut gelaunter Barkeeper aus Sizilien rettet den Ausgang.

Sonntagmorgen Weiterfahrt nach Cugnasco, wo ein farbiger Aushang unseren Chor ankündigt. Nach dem Einsingen überraschende Umplatzierung in einen engen Seitenflügel der Kirche.

Erkenntnis: während auf dem Vorplatz eine grosse Festbühne für die Töffsegnung bereitsteht, fristen Kirchenchöre auch hierzulande ein Nischendasein. Ein Apéro Riche und Wein aus feengepflückten Trauben versöhnt mit dem Ort. Weiterfahrt und anschliessend mit dem gescheiten Stadtführer Paolo durchs schöne Bellinzona. Historisch interessante Schnittstelle zwischen Nord und Süd. Drei Unesco geschützte Burgen mit viel Mauerwerk riegeln das Tal ab. Malerische Altstadt, aber auch ernüchternde Erkenntnis, dass die beliebte original Tessiner Traditionsspeise ein Relikt russischer Besatzungspolitik ist. Dio mio – La Bella Polenta!

Etwas wie Endzeitstimmung bei der Heimfahrt über den verschneiten Gotthard. Wie schön anzusehen, aber der Sommer 2017 ist vorüber. Es war eine weitere kurzweilige Chorreise, orchestriert von unserem Duett Emilia und Helen. Es bleiben neue Facetten des Sonnenlandes und wer weiss, neue Freundschaften mit unseren lieben Chorkolleginnen und Kollegen aus dem Süden.

Geri Weibel