Chorreise 2019 nach Füssen/Tannheim

Kamen auf der Reise ins Tessin 2017 die Liebhaber anhaltender und sintflutartiger Regenfälle auf ihre Rechnung, so war die heurige Ausgabe eher ein Fest für die Freunde langer Carfahrten. Und genügten die knapp siebenhundert gefahrenen Kilometer auch nicht zum Knacken des Allzeit- Rekords (Parma 2001) so reichte es Dank zahlreicher Passüberquerungen und Extraschlaufen dennoch für einen Spitzenplatz in der Kategorie „Reisedauer“ in die Annalen des Antonius-Chores.

Mit etwas Wehmut konstatierte man am frühen Samstagmorgen, nach Eintreffen des beinahe vollständig angetretenen Chores samt Partnern und Ehemaligen, sowie deren Partnern: die Zeiten in denen es Fünfzig-Plätzer-Cars brauchte, sind endgültig vorbei. Doch die vielversprechende Affiche mit Schloss Neuschwanstein vor Augen liess alle Trübsal rasch vergessen und wir fuhren bei gutem Wetter zügig Richtung Bodensee. Bei der Kaffeepause kam mit der Frage nach der ID ein erster Schreckensmoment, lag doch die meinige sicher verwahrt zu Hause. Und so ging es trotz finsteren Aussichten im Falle einer Grenzkontrolle – Chauffeur Markus sprach von stundenlangen Verzögerungen – in stetig wechselnder Folge durch Österreich, Deutschland, Österreich und dann wieder Deutschland usw. nach dem schönen Füssen. Nach freiem Aufenthalt für Rundgang, Mittagessen, dem Kauf von zu Kugeln zusammengeknetetem Gebäck, oder Dirigier-Trockenübungen an den Gestaden der hellgrün gefärbten Lech, gab es eine kurzweilige und spannende Führung durch das vom Krieg verschonte und daher nahezu unveränderte, auf der römischen Verkehrsachse Venedig – Augsburg gelegenen Städtchen. In Erinnerung blieben unter anderem die anschaulichen Ausführungen über Geigenbauer, Flösser und bedauernswerte Galgenvögel.

Auf der Weiterfahrt zum Nachtquartier im Hotel Sägerhof im Tannheimer Tal in den Allgäuer Alpen, blieb die freudige Erwartung einen Blick auf das berühmte Schloss zu erhaschen leider unerfüllt. Nach Geburtstagsapéro und -Ständchen für unseren Chorleiter und einem guten Nachtessen tauchten wir zu vorgerückter Stunde ins lokale Nachtleben ein. Dabei dürfte unser Chor dem Barpersonal vor allem wegen den eher unkonventionellen Bestellungen wie etwa Kamillentee oder Holdrio in Erinnerung bleiben. Nach Erwachen aller Teilnehmer ging es am Sonntagmorgen anstelle der ursprünglich geplanten Spaziergänge durch die nunmehr verregnete Berglandschaft zurück nach Füssen, zur Mitwirkung im sonntäglichen Hochamt.

Der hier folgende zweite Schreckensmoment, diesmal während der Messe in der barocken Kirche St. Mang, Stichwort: Ave Maria von Arcadelt, blieb Dank Giuseppes souveränem Handling der Krise für viele Zuhörer vermutlich unerkannt. Der örtliche Organist mit wilder Amadeus Frisur erwies uns zum Auszug mit einer fulminanten Improvisation, welche mit «Happy Birthday» für einen lokalen Jubilar begann und mit unserer Nationalhymne endete, eine gelungene und schöne Referenz.

Wenn es auch nicht für einen Besuch des Schlosses König Ludwigs des zweiten reichte, so gab es doch noch Gelegenheit aus dem fahrenden Car einen kurzen Blick auf das weltberühmte, im Regen allerdings grau und überraschend unansehnlich wirkende Bauwerk zu werfen. Für Interessierte sei der Dokumentarfilm «Terra X Superbauten Neuschwanstein» sehr empfohlen.

Bei wechselhaftem Wetter führte uns die Fahrt auf und ab durch die malerischen Berge und Täler des Allgäu und des Tirol zurück ins abendliche Wettingen. Fazit: Angesichts der Ansprüche, keine langen Gehwege oder gar Treppen, Mitwirkung im Gottesdienst, bezahlbare aber schöne Unterkünfte und gutes Essen, ist es unseren lieben Reiseplanerinnen einmal mehr gut gelungen, alles unter einen Hut zu bringen. Dafür ein grosses Dankeschön! Und es ist halt so: wo gehobelt wird, fallen Späne – und manchmal sogar ganze Schlösser.

Geri Weibel / 06.11.2019

Chorreise 2017 ins Sonnenland Ticino / Verzascatal

Habe angesichts des Regenberichts schon beim Start die starke Vermutung, dass das Wetter nicht hält was das Lied verspricht. Nach flotter Fahrt ein kurzer Halt bei der Raststätte in Piotta. Insofern bemerkenswert, weil diese nebst der unseren in Neuenhof in Swiss Miniature nachgebaut und bis heute bewundert werden kann. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Mittagspause in Locarno, danach mit dem Car steile Rampen ins Tal hinauf zur über 200 Meter hohen Staumauer des Lago di Vogorno. Trotz Regen und Wind raus aus dem Bus und auf die Mauer. Ein paar Beherzte stürzen sich – wie weiland 007 – mit Urschrei vom Golden Eye aus in die Tiefe. Fühle mich zu alt dafür, daher zurück zum Bus. Nächster Stopp bei der berühmten Ponte Romano di Lavertezzo. Der Regen hat noch zugelegt und die Schuhe sind auch schon etwas nass. Nur noch eine Handvoll Furchtloser traut sich auf die Brücke, von der aus sich anstelle des vertrauten Postkarten- Anblicks mit kristallklar blau schimmerndem Wasser, nunmehr braune Fluten mit grossem Ungestüm gen Tal wälzten. Mittlerweile sind jetzt auch die Hosen nass.

Weiter ins Tal hinauf, an unzähligen noch nie gesehenen Wasserfällen vorbei ins kleine Sonogno. Trotz Dauerregen kurzer Rundgang durchs Dorf. Ein paar Hühner beäugen mich neugierig aus ihrem trockenen Stall. Keine Touristen weit und breit und die Regenjacke hält dicht. Was will man mehr. Rückfahrt zum Konzert in der malerischen Kirche von Frasco. Nach dem Einsingen im Gemeindehaus gespanntes Warten auf den Corale Verzaschese. Professioneller Aufmarsch in Zweierkolonne und blauer Einheitskleidung. Schöne Volkslieder, lebhafte und traurige, vermitteln viel Lokalkolorit und lassen die düstere Witterung vor der Kirchentür vergessen. Sehr stimmiger Vortrag. Bravo!

Zweiter Teil des Konzerts mit Antonius-Chor. Missa Prima von Crassini, deren melancholische Stimmung in südlichen Sphären immer gut ankommt. Danach Arcadelt – sehr edel. Zugabe! Schönes Gemeinschafts-Konzert das in guter Erinnerung bleiben wird. Zurück nach Sonogno zum vom Corale offerierten Nachtessen. Grazie per l‘ospitalià! Die Gastgeber glänzen mit temperamentvollen Gesangseinlagen und der Dirigent als Virtuose auf der Fisarmonica. Wir halten dagegen und die dunkle Ahnung, der zufolge wir nach Ticino e Vino in frankophonem Raum dereinst im Tessin dafür le vieux Chalet singen, erfüllt sich.

Rückfahrt nach Locarno und hinein ins Nachtleben für ein letztes Glas! Stelle erschüttert fest, dass bis auf unseren Dirigenten die gesamte Truppe im Hotel bleibt – schlaafen. Das war auch schon anders. Ort: Piazza Grande. Zeit: Samstagnacht, elf Uhr so-und-so. Verfügbares Angebot: schon fast alles zu. Was ist nur aus unserem Sonnenland geworden. Schliesslich findet sich doch noch ein offenes Lokal und ein gut gelaunter Barkeeper aus Sizilien rettet den Ausgang.

Sonntagmorgen Weiterfahrt nach Cugnasco, wo ein farbiger Aushang unseren Chor ankündigt. Nach dem Einsingen überraschende Umplatzierung in einen engen Seitenflügel der Kirche.

Erkenntnis: während auf dem Vorplatz eine grosse Festbühne für die Töffsegnung bereitsteht, fristen Kirchenchöre auch hierzulande ein Nischendasein. Ein Apéro Riche und Wein aus feengepflückten Trauben versöhnt mit dem Ort. Weiterfahrt und anschliessend mit dem gescheiten Stadtführer Paolo durchs schöne Bellinzona. Historisch interessante Schnittstelle zwischen Nord und Süd. Drei Unesco geschützte Burgen mit viel Mauerwerk riegeln das Tal ab. Malerische Altstadt, aber auch ernüchternde Erkenntnis, dass die beliebte original Tessiner Traditionsspeise ein Relikt russischer Besatzungspolitik ist. Dio mio – La Bella Polenta!

Etwas wie Endzeitstimmung bei der Heimfahrt über den verschneiten Gotthard. Wie schön anzusehen, aber der Sommer 2017 ist vorüber. Es war eine weitere kurzweilige Chorreise, orchestriert von unserem Duett Emilia und Helen. Es bleiben neue Facetten des Sonnenlandes und wer weiss, neue Freundschaften mit unseren lieben Chorkolleginnen und Kollegen aus dem Süden.

Geri Weibel

Chorreise in den Jura

Gut gelaunt und nach den Erfahrungen der letzten Reisen voller Erwartungen, starteten wir Sonntag früh zu unserer eintägigen Expedition in den wenig bekannten Jura. Stadtführung Delémont. Nach Verlassen des Cars und in der kühlen Morgenluft leicht fröstelnd, beschlich einem schon nach wenigen Schritten durch die Altstadt – nebst dem Bedürfnis, schnell wieder in den warmen Car zu steigen – auch der Verdacht, eigentlich bereits alles gesehen zu haben. Doch wie so oft füllte sich die Szenerie während der folgenden Führung schon bald mit Leben und verwandelte die kleine, 2006 mit dem Wakkerpreis dekorierte Hauptstadt des jungen Kantons Jura in einen durchaus sehenswerten Ort. Von den ehemaligen Herren in Bern vernachlässigt und trotz, oder vielleicht bis zu einem gewissen Grad gerade auch wegen der bis heute anhaltenden finanziellen Tristesse, hat Delémont einiges zu bieten. Zu gerne hätte ich auch von der schmalen Galerie des Turmes aus das Panorama von Stadt und Umgebung bewundert. Indes erstickte eine andere Aussicht, nämlich diejenige auf Treppensteigen, diesen Plan bereits im Ansatz. Dank den Basler Fürstbischöfen gibt es ein schmuckes, mit orientalischen Kriegerfiguren und viel Stuck verziertes Stadtschloss. Die eleganten, hohen Räume der ehemaligen Sommerresidenz dienen heute als Schulzimmer und im stimmungsvollen Park lockt während der Sommermonate ein Open-Air-Kino. Weiter ging es von Delémont nach Porrentruy – just wie weiland HD Läppli im Film von 1959. Im Gegensatz zum braven Soldaten, der bekanntlich beim Kirchturm in Courrendlin falsch abbog und deshalb irrtümlich nach Moutier – dort war ich auch noch nie – marschierte, steuerte Markus K. den Car zielsicher durch die schönen und dünn besiedelten Landschaften der Ajoie. Zu dieser Augenweide passte die Verkündung des in blumigem Französisch gehaltenen Mittags-Menus: Le jambon cru d‘Ajoie. Pêches, amandes douces à la fleur de sel. La coriandre en huile vierge, baies du Munotc. La poitrine de canette de Challans, miel „fleurs de la Baroche, persil… oh la la, aber hoffentlich keine Schnecken! Nach kniffliger und durch den Chauffeur trotz kurzer Panik seitens weiblicher Passagiere mit ‚Sägetechnik’ tadellos gemeisterter Auffahrt zum Restaurant Château de Pleujouse – gab es zur Entspannung ein Glas Weissen auf dem schönen, wenn auch etwas zugigen Vorplatz des malerischen Schlösschens. Vor dem Essen überraschten wir die mehrheitlich französischsprachigen Gäste und Angestellten – man ahnt es – mit J.B. Hilbers unsterblichen Gassenhauer „Ticino e Vino“. Warmer Applaus. Das Essen und die Stimmung waren ganz hervorragend und man möchte gerne wieder einmal zurückkehren. In Porrentruy flackerte die Erinnerung an Läppli ein zweites mal auf, gemahnte die etwas verkrampfte Stadtführerin doch ein wenig an Oberleutnant Clermont im Kompaniebüro Pruntrut. Ursache für die Verstimmung lag in Emilias Besichtigungs-Wunsch „Porrentruy in religiöser Hinsicht“. Unser Leutnant – pardon die Stadtführerin – dazu genötigt ihre Präsentation neu zu erarbeiten, liess denn auch immer wieder durchblicken, dass sie eigentlich gerne dies und das zeigen wolle, aber „auf Grund des von Ihnen gewünschten Programmes…“ Nun ja, bei allem Respekt vor silbernen Monstranzen hätte ich offen gesagt auch lieber etwas mehr vom Städtchen gesehen. Doch dies tat dem Ganzen keinen Abbruch und so bleibt obendrein für einen nächsten Besuch noch genügend Raum für Entdeckungen. Auf der Rückreise via Saignelégier gab es schöne Bauernhäuser und weite Landschaften mit vielen frei laufenden Pferden zu bewundern. Vielen herzlichen Dank für eine weitere tolle Reise – und wie immer: a une prochaine, chère Emilia.

Geri

Chorreise ins Burgund / Dijon

Für einmal war gut beraten, wer anstelle des Regenschirms die Badehose mit auf die Reise nahm. Bei hochsommerlichen Temperaturen führte die erste Etappe im klimatisierten Bus via Mulhouse nach Dijon. Die Zeit vor der Stadtführung nutzten viele für einen ersten Spaziergang, eine kleine Mahlzeit oder zum Kauf von Badesachen in den ‚Galleries Lafayette‘.

Auf dem ‘Rundgang der Eulen‘ durch die beschauliche Innenstadt gab es nebst schönen Gässchen, grandiosen Plätzen, Kirchen und der historischen Markthalle viele pittoreske Ecken zu bewundern. So auch die alte Weinschänke, in welcher Gérard Depardieu im Film als Philosoph, Rauf‐ und Trunkenbold Cyrano de Bergerac zu Höchstform auflief.

Die Stadt gibt sich selbstbewusst und ist stolz auf ihre Söhne. Nebst Grössen mit sinkendem Bekanntheitsgrad, wie etwa ‚Karl dem Kühnen‘ dürfte Gustave Bönickhausen allen ein Begriff sein.

„Ohne Dijon wäre Paris nicht, wie heute es ist“ erklärte uns die nette Führerin. Wohl zu Recht, haben doch die Bauwerke des deutschstämmigen Mannes – genannt Eiffel – das Antlitz vieler Städte geprägt und auch die Eisenstruktur der stilvollen Markthalle basiert auf seinen Plänen. Speziell für die Freunde des Aperitifs erwähnenswert wäre da auch noch Bürgermeister Félix Kir (1876‐1968). Ihm verdankt die Welt das gleichnamige Getränk aus dem Weisswein Bourgogne Aligoté mit etwas Crème de Cassis. In der edlen Version mit Champagner auch als ‚Kir Royal‘ bekannt. Für schmunzeln sorgten die zahlreichen und teils etwas ‚schrägen‘ Hochzeitsgesellschaften vor dem Stadthaus und in der überlaufenen ‚ salle d’attente de mariage‘.

Weiter ging es zu Abendessen, Übernachtung und Bad im erfrischenden Pool nach Nuit St. George ins idyllische Landhotel ‚La Gentilhommière‘. Das abendliche ‚Menu Terroir‘ hielt gleich einige Herausforderungen bereit. Nach dem von Ehrenmitglied Erich spendierten Apéro mit Kir (siehe oben), ging es zunächst um die Frage ‚Escargots der Bourgogne‘ (Schnecken), oder doch lieber

‚Jambon Persillé‘? Darauf folgte die Qual der Wahl des Weines aus einer Karte mit dem Umfang eines Telefonbuchs und Preisen die einem das Fürchten lehren konnten. Doch damit nicht genug. Derweil sich ‚nouvelle Cuisine‘ Portionen üblicherweise bequem in eine Briefmarke einwickeln lassen, ging es hier deftig zur Sache. Brav die aufgetischten Vorspeisen restlos aufessend, sahen sich einige anschliessend unverhofft ausser Stande, den delikaten und in einer Arbeitergamelle servierten Hauptgang ‚Boeuf Bourguignon‘ auch nur anzurühren.

Durch diese Lektion geläutert und entsprechend vorsichtiger, kam dafür am Sonntagmorgen bei der Degustation in Chevrey Chambertin niemand in Versuchung, alle gereichten Proben auszutrinken. Meine persönlichen Erkenntnisse der Degustation lassen sich wie folgt zusammenfassen. Erstens: wider Erwarten weisen edle Etiketten mit goldener Krone und Löwen nicht immer auf ein Château als Herkunft hin. Und zweitens: selbst Kleinstproduzenten wie der sympathische Philippe Rossignol mit Frau, sind auch ohne Château in der Lage, in ihrer improvisiert wirkenden Kellerei, bestehend aus ausgebauter Garage und Keller ihres Hauses, hervorragende und gut bewertete Weine herzustellen. Die Rückfahrt durch die malerische Landschaft wurde durch einem Abstecher zu Le Corbusiers berühmter Marienkapelle in Ronchamps aufgelockert. Nach einem kleinen Imbiss überraschte der Chor die anwesenden Besucher mit dem ausdrucksvollen ‚Ave Maria‘ von J. Arcadelt. Dies war denn auch der musikalische Höhepunkt unserer Reise, die alles bot was man sich wünschen kann. Merci Emilia et Hélène – et à une prochaine fois!

Geri Weibel

Chorreise ins Gantrischgebiet

Es war nur eine sogenannt „kleine Chorreise“ am Samstag, 21. Juni 2014. Klein, aber fein, von Emilia Baldi und Helen Müller phantasievoll und umsichtig organisiert. Die An- fahrt im bequemen Bus via Bern und Richtung Thun verlief vorerst ereignislos. Aber schon bald nach Verlassen der Autobahn und der Fahrt durch Belp und Kehrsatz tat sich ein überraschender Blick auf das Panorama mit der Stockhornkette und den dahin- ter glänzenden Majestäten der Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau auf. Zim- merwald, unser erstes Etappenziel war bald erreicht. Zimmerwald, ein verschlafenes Bauerndorf? Mitnichten! Zimmerwald ist wohl der Ort in der Schweiz mit dem grössten Weitblick und den besten Informationen. Hier steht ein hochtechnisches astronomi- sches Observatorium. Mit diesem haben Wissenschaftler schon Asteroide und Super- novas entdeckt, die vorher noch niemand gesehen hatte. Die GPS-Geostation Zimmer- wald empfängt und verarbeitet astrometrische Daten, welche u.a. der Landestopografie zur Vermessung und Kartografie dienen. Und schliesslich betreibt der NDB mithilfe ei- ner grossen Parabolantenne und angegliederter Einsatzzentrale das Schweizer Satelli- tenabhörsystem. Auch wurde in Zimmerwald tatsächlich Weltpolitik gemacht. Getarnt als ornithologischer Verein fand hier im September 1915 eine geheime internationale sozialistische Konferenz statt mit Teilnehmern aus ganz Europa. Auch Lenin und Trotz- ki, die nachmaligen Führer der russischen Oktoberrevolution waren mit dabei. Das dort verfasste „Zimmerwalder Manifest“ mit dem Aufruf „Proletarier aller Länder …“ erlangte einige Berühmtheit. In Zimmerwald selber ist dieses unfreiwillige historische Erbe aller- dings wenig beliebt. So wurden von der Gemeindebehörde Denkmäler und Gedenkta- feln jeglicher Art verboten.

Auch wir liessen diese Berühmtheiten links liegen. In unserem Reiseplan vorgesehen war nämlich Streit. Nein nein, natürlich kein Streit im Chor; da herrschen nur Eintracht und Frieden. Aber Streit ist wohl der häufigste Familienname in Zimmerwald, und die Familie Streit betreibt auch den Hof „be dr Chiuche“, wo wir zu einer Besichtigung freundlich empfangen wurden. Ein behäbiges, gestandenes Berner Bauernhaus. Woh- nung samt Gästezimmern, Tenne und Viehstall – alles unter einem mächtigen Dach.

Kathrin Streit, offensichtlich die gute und rührige Seele des Hauses, führte uns durch das Anwesen. Wir konnten den Rundgang mit allen Sinnen – optisch, akustisch und ol- faktorisch – geniessen. Schade, dass unser armer Präsident nicht dabei sein konnte; seine fachkundigen, veterinärmedizinischen Kommentare wären sicher interessant ge- wesen. Eine kurze Fahrt brachte uns zur Kaffeepause auf dem benachbarten Hof

„Chueweid“. Dort stand für uns eine köstliche „Züpfe“ von rekordverdächtiger Länge bereit. Unser Chorleiter griff anstatt zum Taktstock zum Messer und schnitt geduldig Scheibe um Scheibe vom Wunderwerk ab. Die frisch gepflückten Erdbeeren und Kir- schen waren ebenfalls ein Genuss.

Nach einer abwechslungsreichen Panoramafahrt via Riggisberg und über den Gurnigel erreichten wir Guggisberg, das Hauptziel unserer Reise. In der schmucken, denkmalge- schützten Dorfkirche erzählte uns Frau Lydia Bucher viel Interessantes über die histori- sche Entwicklung dieser Gegend, und natürlich die wahre, traurige Geschichte vom Vreneli und Simes Hans-Joggeli, wie sie sich im 17. Jahrhundert tatsächlich zugetragen haben soll. Da konnten wir natürlich nicht mehr anders und mussten das Guggis-

berglied anstimmen, sangen aber nur die ersten paar der unendlich vielen Strophen. Nach einer Führung durch das Vreneli-Museum war dann für uns im „Sternen“ der Tisch zum Mittagessen gedeckt.

Unser Reisecar war aussen gross mit „Kobolt“ angeschrieben. Während der Mittags- pause muss sich dieser Kobolt in einen echten Kobold verwandelt haben, welcher sich Zugang zum Motorraum verschaffte und das Getriebe oder die Kupplung so demolierte, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken war. Da eine kurzfristige Reparatur unmöglich war, musste unser Chauffeur einen Ersatzbus organisieren. Die unfreiwillige Wartepau- se benützten einige, besonders Senioren, von Schwester Angela seelsorgerlich beglei- tet, zum Besteigen des Guggershörnli. Für den steilen Aufstieg mit den vielen Treppen wurden die eifrigen Wanderer mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Um dem bösen Ko- bold den Meister zu zeigen traf schliesslich ein aus Thun herbeigerufener Meister-Car ein. Dieser führte uns über Hügel und unbekannte Dörfer und Weiler (wer kennt schon Guuhet, Chnöwis, Chüejerli, Zuckerli, Chaspera, usw.?) zum Schwarzsee. Der dort vor- gesehene Aufenthalt musste notgedrungen stark abgekürzt werden, aber immerhin reichte es noch zu einem kurzen Spaziergang am See und einem kühlen Trunk. Nach der Rückfahrt durchs Freiburgerland via Düdingen und Bern konnten wir wohlbehalten und gutgelaunt zuhause bei der Kirche St. Anton aussteigen. Wir durften eine interes- sante, abwechslungsreiche Reise durch eine den meisten kaum bekannte Gegend ge- niessen. Den beiden Organisatorinnen gebührt dafür ein ganz grosses Dankeschön. HJ

Chorreise vom 24.–25. August 2013

Wer kennt sie nicht, die herrlichen Ansichten vom Genfersee, Schloss Chillon und den Weinbergen mit ihren malerischen Winzerdörfchen, auf unzähligen Kalendern abgebildet und in jeder Schoggitäfelipackung zwischen Kappelbrücke und Matterhorn zu finden – und war doch noch nie selber da.

Die Reise im Car führte in einer ersten Etappe nach Montreux. Leuchteten dort anstelle der Sonne nur die Sturm‐Warnlichter für den Schiffsverkehr, so zeigte sich der See in Erwartung des Donnerwetters in seinen schönsten Blau‐ und Grüntönen. Während das Gros des Chores unverzüglich den Weg zum empfohlenen Restaurant nach Chillon unter die Füsse nahm, blieben einige wenige noch für eine Weile im mondänen Montreux. Beim Promenieren entlang den Luxuspalästen und Grandhotels für besonders gut betuchte Gäste überkam einen unweigerlich das Gefühl, sich in die erste Klasse verirrt zu haben. Doch unverhofft trafen wir beim Betreten der altehrwürdigen Markthalle doch noch auf originales Waadtländer‐ und Walliser‐ Kolorit. Eigentlich wollten wir ja nur etwas Leichtes essen. Doch in der volksfestartigen Stimmung mit Musik, Trachten und allerlei Attraktionen verflüchtigte sich der gute Vorsatz im schweren, über allem hängenden Fonduedunst im Nu.

Ein Spaziergang entlang des Sees nach Chillon kann auch im strömenden Regen sehr schön sein und die Silhouette des Schlosses mit seiner teils düsteren Geschichte wirkte in den Nebelschwaden vielleicht sogar noch eine Spur geheimnisvoller als bei Sonnenschein. Die Führung durch das Château eröffnete interessante Einblicke in die aus heutiger Sicht skurril anmutenden Gepflogenheiten seiner damaligen Bewohner.

Nach dem prächtigen Wetter der letzten Wochen dämpften die anhaltenden Schauer während der Weiterfahrt ins La Côte Weingebiet die Stimmung im Car. Indes klarte es rechtzeitig vor der Ankunft in Echichens wieder auf. Für die ‚beste Sicht auf den Mont Blanc‘ reichte es zwar nicht, dafür gab es einen feinen Apéro mit Degustation. Im Gut von Michel Cruchon pflegt man auch alternative Methoden des Weinbaus. Beim Kosten stellte sich dann allerdings heraus, dass die nach klassischer Art produzierten Weine trotz Schadstoffen mehrheitlich den besseren Anklang fanden. Die anschliessende Weiterfahrt erfolgte in aufgeräumter Stimmung.

Nach Diner und Übernachtung im Hotel Prealpina in Chexbres mit grandiosem Ausblick auf See und Berge starteten wir am Morgen zu einer Wanderung durch die traumhaft schöne Rebenlandschaft des Lavaux mit Ziel im bekannten Weindorf Epesses. Die Anbauflächen sind hier kleiner als im La Côte, kunstvolle Täfelchen markieren die verschiedenen „Clos“ und „Grand Cru“ und der weisse Schriftzug „DEZALEY“ inmitten des steilen Hanges vermittelte sogar etwas Hollywood Glamour. Die Wandergruppe – bald in sportlich Eilige und gemächliche Geniesser aufgeteilt – traf erst auf der schönen Aussichtsterrasse in Epesses wieder zusammen. Im heimeligen Kellergewölbe, bei Apéro Riche und Weinprobe mit Winzer Jean Francois Chevalley genossen wir den köstlichen Dézaley und andere Weine. Und mochte es Monsieur Chevalley auch leicht irritiert haben, als der Antonius Chor als kleine Referenz das Lied „Ticino e Vino“ schmetterte, so war er mit dem nachfolgenden „Le vieux Chalet“ bestimmt wieder mit der Deutschschweiz versöhnt.

Ganz herzlichen Dank unseren beiden Reiseleiterinnen Emilia und Helen für die schöne und rundum gelungene Reise.

Geri Weibel